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Brigitte Nr.11/2006
Weibliche Strahlkraft
Kennen Sie Caterina Assandra? Vittoria Aleotti? Barbara Strozzi? Vermutlich nicht. Diese drei Damen übten im 17. Jahrhundert einen ungewöhnlichen Beruf aus: Sie waren Komponistinnen. Dem fantastischen Ensemble La Villanella Basel ist es zu verdanken, dass sie mit ihrer CD "O dulcis amor" (Ramée 0401) die Werke dieser und anderer italienischer Komponistinnen wieder erweckt und belebt haben. Als Spezialistinnen für alte Musik bringen sie die fast vergessenen Lieder, Sonaten und Motetten mit Gesang, Blockflöte und Gamba zum Funkeln. Stephan Bartels

Musica (January/February 2006) 4 stelle

American Record Guide September/October 2005
La Villanella Basel ist ein Ensemble von fünf Musikerinnen. Nach den gut geschriebenen liner notes konzentrieren sie sich auf die Musik des Übergangs zwischen dem 16. und 17. Jh. Vorgestellt werden fünf Komponistinnen dieser Periode, einige von ihnen gingen im Lauf der Geschichte fast verloren, andere sind bekannter. Trotz der die Frauen extrem unterdrückenden Ansichten, die Europa in dieser Epoche beherrschten, erreichten besonders im Norden Italiens einige Frauen in den höheren Rängen der höfischen Gesellschaft durch ihre musikalischen und kompositorischen Fähigkeiten eine gewisse gesellschaftliche Bedeutung.
Dies ist faszinierende Musik, und es fällt leicht, sich im Moment zu verlieren und diese bewundernswerte Einspielung zu genießen. Alle Elemente dieser Übergangszeit sind hier vertreten - reiche Polyphonie, Tanzmusik, fließende Monodie - und mit jedem Hören fällt es leichter, Stil und Ausdruck jeder Komponistin zu unterscheiden.
Die Gruppe verdient großes Lob für diese Einspielung. Heike Pichler-Trosits, Sopran, singt mit der Klarheit und Einfachheit, die diese Musik braucht. Der Rest der Gruppe ist ebenso fähig. Jeder, der eine wichtige Übergangszeit der Musikgeschichte erforschen möchte, sollte diese CD kaufen - es könnte allerdings Ihre Sicht auf den Frühbarock verändern -, und jeder, der schöne Musik und hohe Musizierkunst schätzt, wird sich daran erfreuen.CHAFFEE

Fonofon Oktober 2005
Leidenschaft für die Sache
Unter dem Titel "O dulcis amor" präsentiert La Villanella Basel geistliche und weltliche Werke von Frauen des Seicento, wobei die fünf Basler Musikerinnen in ihrer sensiblen und umsichtigen Interpretation besonderen Wert auf eine differenzierte Verzierungs- und Diminutionspraxis legen. Matthias Hengelbrock

Concerto Oktober/November 2005
Aus Palästen und Klöstern
Zwei Motetten für Solostimme, Melodieinstrument und Generalbaß; zwei Intavolierungen einer Motette (die eine auf dem Cembalo, die andere auf der Orgel gespielt); eine weitere (untextierte) Motette, in der die Solostimme von einer Blockflöte übernommen und erfindungsreich diminuiert wird: Das gibt gleich am Beginn gut zehn Minuten anregende Lektion in Sachen "Frauenmusik" im Frühbarock. Caterina Assandra (ca. 1590 - nach 1618) heißt die Komponistin. Wenig wissen wir von ihr, außer daß sie als Nonne den Namen Agata trug und ihr Leben in einem Benediktinerkloster bei Pavia beendete.
"O dulcis amor": Davon im Stil der eben aufgekommenen Monodie zu singen, war keineswegs nur an den Adelshöfen des Frühbarock statthaft. Auch Vittoria Aleotti (ca. 1575 - nach 1620) war Nonne, und sie - Tochter eines Hofarchitekten von Ferrara - trug schon geraume Zeit den Schleier, als sie eine Ghirlanda de madrigali knüpfte. Wie kontrapunktisch ausgefeilt diese vierstimmigen Stücke sind, kommt in der Wiedergabe durch das Damenensemble La Villanella Basel mit Sopran, Blockflöte, Orgel und Gambe plastisch heraus.
Francesca Caccini, Barbara Strozzi und Isabella Leonarda sind die Galionsfiguren der Komponistinnenzunft, es fehlt heutzutage nicht an Interpreten und vor allem Interpretinnen, die ihnen nachspüren. Kein Wunder, daß Francesca Caccini, älteste Tochter von Giulio Caccini, in den Adelshäusern von Florenz, als Mitglied auch im Familienconsort Donne di Giulio Romano mit den neuesten ästhetischen Strömungen vertraut war und Musik auf höchstem Niveau beitrug. Über ihr "Lasciatemi qui solo", in dem jede Strophe mit einem harmonisch einprägsamen, todtraurigen Ruf "Lasciatemi morire" abgeschlossen wird, kann man ruhig sagen: Monteverdi vom Besten.
Auch Barbara Strozzi hat von ihrem Vater, dem venezianischen Dichter Giulio Strozzi, eine profunde musikalische Ausbildung bekommen. "L'Eraclito amoroso" über ein vier Töne absteigendes Motiv in Form einer Passacaglia gehört zu den Pretiosen der Zeit. Isabella Leonarda (1620-1704) ist die dritte im Bunde; sie wirkte im klösterlichen Bereich. Das war ja die zweite Möglichkeit, in dieser Zeit so etwas wie Selbstverwirklichung zu erreichen: im klösterlichen Dienst die im Regelfall wohl in Jugendjahren erworbene musikalisch-humanistische Blidung umzusetzen.
Das besondere Verdienst des Ensembles La Villanella Basel ist es, auf dieser CD mit Caterina Assandra und Vittoria Aleotti eben auch auf andere komponierende Damen aus dem Klosterbereich hinzuweisen. Isabella Leonardas ausufernde, an Sprachbildern wie an musikalischem Gestenreichtum kaum zu überbietende Motette "Iam diu dilecte mi Jesu" dürfte freilich nicht so bald von einer anderen komponierenden Nonne übertroffen worden sein (und auch kaum von einem männlichen Kollegen seiner Zeit). Reinhard Kriechbaum

Ramifications Bruxelles, le 30 juin 2005
Das erste Opus des Labels Ramée lädt uns in das musikalische Leben des italienischen 17. Jahrhunderts ein, in welchem sich die Frauen, sofern sie zu den höheren Kreisen der Gesellschaft zählten, freier entfalteten. Adelige, reiche Bürgerinnen, die in den Salons oder Klöstern singen, ein Instrument spielen und komponieren… Das weibliche Ensemble (und nicht etwa feministisch: ohne Männer zu meiden haben sie sich unter Frauen wiedergefunden!) "La Villanella Basel" drückt ideal die delikat-virtuose Atmosphäre in den Werken der oben genannten Komponistinnen aus. Die fein ausgearbeitete Instrumentierung, schillernd und leuchtend, unterstützt sehr gut die volle und leichte Stimme der Sopranistin Heike Pichler-Trosits. Isabelle Françaix

Diverdi (05/2005)
Wenn Sie mir das persönliche Geständnis erlauben, "coup de coeur", wie unsere Nachbarn sagen, des Kommentators ist diejenige CD, welche die Ramée-Serie eröffnet. Die erstaunliche Figur einer weiblichen Anatomiepuppe des 16. Jh. auf dem Label-einheitlichen weißen Hintergrund abbildend, vereint "O dulcis amor" geistliche und weltliche Musik von Komponistinnen des Seicento zwischen prima und seconda prattica. Fünf Interpretinnen, die das Ensemble La Villanella Basel bilden, ausgebildet an der Schola Cantorum Basiliensis und angeführt von der Sopranistin Heike Pichler-Trosits, stellen sich in den Dienst von fünf Komponistinnen.
Ihrer Entdeckung oder Rettung an erster Stelle, und damit kommen wir gleich zur Venezianerin Barbara Strozzi dem "caso" "par excellence", oder Francesca Caccini, der würdigen Erbin ihres Vaters Giulio und ersten weiblichen Verfasserin einer Oper, und dann haben wir natürlich auch Unbekannte vor uns: Caterina Assandra, Vittoria Aleotti und - allenfalls etwas weniger unbekannt - die Nonne Isabella Leonarda, "Muse von Novara".
Vokales und Instrumentales alternieren - die Motette, das Madrigal oder die Aria mit Intavolierungen für das Virginal oder die Orgel, oder mit Diminutionen für die Flöte (inklusive einer Sonata) - und entfalten ein Programm von mysteriöser Schönheit. Typische Musik dieser Epoche, ohne daß man sie allerdings streng gesehen irgendwie von der ihrer männlichen Zeitgenossen unterscheiden könnte, aber ausgewählt mit viel Feingefühl und erholsam für den Hörer, der auf einem poetischen Flug verzaubert wird. Der Erfolg ist total.
Mit ihrer ersten Aufnahme beweist La Villanella Basel ebenfalls, daß sie eine CD aufzunehmen wissen. Seitdem er sie hörte, hat sich dieser Euer Verehrer davon nicht lösen können. Jesús S. Villasol

Radio Canada : Nouveautés disques de l'émission du 28 mai 2005
So viel unvermutete Schönheit endlich enthüllt dank der 5 Musikerinnen von La Villanella Basel. Welch berühmte Komponistinnen des Seicento, alle Ausnahmefrauen. Eine musikalische Sammlung totaler Verführung.

Diapason nr. 524 (04/2005) 4 Etoiles
Der Wirkungskreis der Musikerinnen in Italien während des Seicento wird von einer wachsenden Zahl Interpreten ständig wiederentdeckt. Das Thema begeistert, weil es das heikle Problem der Selbständigkeit der Künstlerin thematisiert, die in einem Jahrhundert und einer Gesellschaft für sich sorgt, welche in diesem und anderen Bereichen wenig zur Gleichberechtigung der Geschlechter neigt. Die ausgegrabenen Werke sind oft das Werk sehr seltener Talente - wie Francesca Caccini und Barbara Strozzi -, die verknüpft sind mit den Experimenten der lyrischen Avantgarde Venedigs und Florenz'.
Auf dieser femininen Odyssee sammelt die von La Villanella Basel zusammengestellte "raccolta" (wie man damals sagte) eine handvoll Meisterstücke, wovon viele bereits in konkurrierenden Versionen wiedererweckt wurden. Die schöne Sopranstimme von Heike Pichler-Trosits mißt sich mit körperreicheren Stimmen, um nicht zu sagen Opernstimmen, doch ihre Musikalität erlaubt ihr, sich elegant aus technisch mitunter delikaten Situationen zu ziehen. Besser: In dem abtrudelnden Rezitativ "Lasciatemi qui solo" von Francesca Caccini, das eine einzigartige Spannung im traurigen Bekenntnis aufdrängt, weiß die Solistin eine Waffe aus ihrer Zerbrechlichkeit zu machen, bis dahin, uns für kleine Brüche zu interessieren - verwandelt in Affekte einer verbesserungswürdigen Virtuosität. Wahrlich, neben dieser wichtigsten Offenbarung verblassen ihre Strozzis etwas, zu anekdotisch für meinen Geschmack, außer "L'Eraclito amoroso", der über dem Rhythmus des basso ostinato seine wahre Dimension des Lamento findet.
Mit dem letzten Akkord hat das Werk unsere Sympathie erzwungen. Das Instrumentarium hier ist noch dazu von großer Kraft: In seiner Funktion als Continuo ebenso wie in einer Rolle als Partner, unbefangen konzertierend in der "Sonata duodecima" der Äbtissin Isabella Leonarda. Roger Tellart

La Libre Belgique - Les disques de la semaine (22/02/2005) 3 Etoiles
Die fünf Musikerinnen von La Villanella Basel erforschen das Repertoire des Seicento durch berühmte Komponistinnen der Epoche: Caterina Assandra, Vittoria Aleotti, Francesca Caccini, Barbara Strozzi und Isabella Leonarda, alle Ausnahmefrauen, marginal und global privilegiert in einer Gesellschaft, die schmerzhaft beginnt, ihre Lehren aus der Renaissance zu ziehen.
Das Ergebnis dieser musikalischen Sammlung ist eine totale Verführung: Vokale Stücke mit der Sopranistin Heike Pichler-Trosits und Instrumentalstücke gemäß Zusammenhang oder dynamischem Kontrast gereiht, bieten die Interpretinnen jedesmal ihr Wissen, ihre Raffinesse und ihre Vorstellungskraft auf, durch die ein erfreulicher Wind der Freiheit weht... Textbuch klar und interessant. Martine Dumont-Mergeay

Swissdisc (17/01/2005)
Eine herrliche musikalische Leistung ist diese erste Produktion von Ramée, die ihre Zuhörer zu einer poetischen Reise, einer bezaubernden Träumerei einlädt und das alles in perfekter Harmonie mit einem üppigen und bemerkenswert gut geschriebenem Textbuch, präsentiert mit größter Sorgfalt und inspirierender Zartheit und Ausgeglichenheit.
Allerdings ist "O dulcis amor" hauptsächlich solchen Komponistinnen gewidmet, die oft dem Adel oder der reichen Bürgerturm angehörten. Diese Komponistinnen tauchten am Ende des 16. und in der Mitte des nächsten Jh. auf. Fünf Komponistinnen bieten Werke in einer reichen Auswahl musikalischer Formen wie Madrigale, Motetten, Kantaten und andere und haben Teil an der Erstellung diesen sehr feinfühligen Programmes: Caterina Assandra (um 1590 - nach 1618), die sich, nachdem sie ihre Motettensammlung veröffentlichte (aus der hier drei präsentiert werden) in einen Benediktinerinnenkonvent zurückzog, wo sie weiterhin Motetten im traditionellen Stil der ersten komponierte, - Vittoria Aleotti (um 1575 - nach 1620), mit Madrigalen, die durch den Dichter Giovanni Battista Guarini in Versform geschrieben wurden und die verschiedene Stile des 16. Jh. erkennen lassen, - Francesca Caccini (1587 - nach 1641), älteste Tochter des Komponisten Giulio Caccini, die erste Frau, die eine Oper komponierte und eine lange Karriere sowohl als Sängerin, Komponistin als auch als Lehrerin kennenlernte, - Barbara Strozzi (1619 nach 1664), Tochter des gefeierten Dichters und Intellektuellen Giulio Strozzi, die in dieser Epoche in Venedig sehr präsent war und acht Sammlungen mit Madrigalen, Arien, Kantaten und Motetten für Sologesang veröffentlichte, deren Texte zum großen Teil von ihrem Vater geschrieben wurden, - Isabella Leonarda (1620 - 1704) schließlich, deren hier präsentierte Sonate wahrscheinlich eine ihrer vollendetsten und harmonisch ausgearbeitetsten Werke ist.
Das anläßlich des Luther-Gedenkjahres 1996 gegründete La Villanella Basel ist ein in Deutschland basiertes Ensemble, bestehend aus einer Sopranistin und vier Instrumentalistinnen, das regelmäßig durch Europa konzertiert. Es widmet sich der durch Frauen komponierten Musik, und wie durch Identifizierung mit ihnen liefern sie uns diese mit Talent und Finesse im Respekt historischer Interpretation. Sein Repertoire deckt die Übergangszeit zwischen dem 16. und dem 17. Jh. Pascal Souhard



CD-Besprechungen
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